Vergebung ist ein komplexes und oft missverstandenes Thema, besonders in therapeutischen Kreisen. Missverständnisse führen dazu, dass Vergebung häufig mit Gutheißen von Taten oder sogar Täterschutz gleichgesetzt wird. Dieses Missverständnis kann für Opfer schwerwiegende Folgen haben, insbesondere wenn sie von Therapeuten oder ihrem Umfeld zur Vergebung gedrängt werden, während weiterhin Kontakt zum Täter besteht. In der Psychologie und insbesondere im Kontext der Positiven Psychologie und des Coachings bedeutet Vergebung jedoch etwas ganz anderes: Es geht nicht um das Entlasten des Täters, sondern vielmehr um das Loslassen negativer Emotionen, um das Wohl des Opfers zu fördern.
Vergebung und Loslassen: Was es bedeutet
Vergebung im psychologischen Sinne ist ein Prozess des inneren Loslassens. Sie bedeutet nicht, die Taten des Täters zu entschuldigen oder gutzuheißen, sondern vielmehr, sich von den belastenden Gefühlen wie Wut, Hass oder Rachegedanken zu befreien. Dieses Loslassen kann dem Opfer helfen, seine emotionale und psychische Gesundheit wiederherzustellen und den Weg zur Heilung zu finden. Vergebung ist in diesem Sinne ein Werkzeug der Selbstbefreiung.
Laut der Positiven Psychologie kann Vergebung helfen, das Wohlbefinden zu steigern, Stress zu reduzieren und das Risiko von Angst und Depressionen zu verringern. Studien haben gezeigt, dass Menschen, die vergeben können, eine höhere Lebenszufriedenheit und bessere psychische Gesundheit erleben. So fanden Worthington und Scherer (2004) heraus, dass Vergebung eng mit emotionalem Wohlbefinden verbunden ist und langfristig zu einem gesünderen, ausgeglicheneren Leben führen kann.
Die Trennung von Opfer und Täter: Ein notwendiger Schritt
Ein entscheidender Aspekt, der oft übersehen wird, ist die Notwendigkeit der physischen und emotionalen Trennung von Opfer und Täter. Solange ein Opfer in Kontakt mit dem Täter bleibt, ist eine echte Vergebung, wie sie in der Positiven Psychologie verstanden wird, nahezu unmöglich. Der Kontakt mit dem Täter kann die Traumatisierung aufrechterhalten und verhindern, dass das Opfer loslassen kann. Therapeuten und Coaches, die Druck auf das Opfer ausüben, zu vergeben, ohne diesen Kontakt zu unterbinden, können das Trauma des Opfers sogar verschlimmern.
Die Forschung zeigt, dass für Vergebung eine sichere Distanz zum Täter notwendig ist. Wade und Worthington (2005) betonen in ihren Studien, dass Vergebung eine persönliche Entscheidung des Opfers ist, die erst dann effektiv ist, wenn das Opfer sich in einer stabilen emotionalen Situation befindet. Solange der Täter noch eine Rolle im Leben des Opfers spielt, wird das Opfer weiterhin in einem Kreislauf der Kontrolle und des Leids gefangen bleiben.
Missverständnisse in therapeutischen Kreisen: Der Druck zur Vergebung
Leider gibt es in therapeutischen Kreisen oft einen problematischen Druck auf Opfer, ihren Tätern zu vergeben. Dieses Drängen zur Vergebung kann als eine Form des Missbrauchs verstanden werden, wenn es ohne Rücksicht auf die emotionale Sicherheit des Opfers erfolgt. Studien wie die von Enright und Fitzgibbons (2000) zeigen, dass Vergebung ein freiwilliger Prozess sein sollte, der das Opfer in den Mittelpunkt stellt und es auf keinen Fall in Gefahr bringt, noch mehr Schaden zu erleiden.
Eine erzwungene Vergebung, besonders bei fortlaufendem Kontakt zum Täter, kann zu einem Gefühl der Machtlosigkeit und des Verrats führen. Opfer müssen die Kontrolle über den Prozess der Vergebung behalten und sicher sein, dass sie frei von Druck oder Einflussnahme des Täters sind. Hier ist es die Aufgabe von Therapeuten und Coaches, das Opfer zu unterstützen und den Fokus auf dessen Wohlbefinden zu legen, nicht auf eine schnelle Vergebung.
Vergebung als Schutz des Opfers: Ein notwendiger Paradigmenwechsel
Um Vergebung als Schutz des Opfers zu verstehen, muss sie als ein Prozess gesehen werden, der die Autonomie des Opfers stärkt. Vergebung in diesem Sinne dient dem Opferschutz, indem es dem Opfer hilft, sich von den emotionalen Fesseln zu befreien, die der Täter hinterlassen hat. Es geht darum, dem Opfer die Kontrolle über seine Heilung und sein Leben zurückzugeben. Eine Studie von Toussaint, Worthington und Williams (2012) zeigt, dass Vergebung, wenn sie aus freiem Willen und in einem sicheren Umfeld geschieht, eine heilende und befreiende Wirkung auf das Opfer haben kann.
Dabei darf nicht vergessen werden, dass Vergebung nicht zwingend die Wiederherstellung einer Beziehung oder die Aussöhnung mit dem Täter bedeutet. In vielen Fällen ist es notwendig, den Täter aus dem Leben des Opfers zu entfernen, um Raum für Heilung zu schaffen. Opfer müssen in ihrer Entscheidung bestärkt werden, Kontaktabbruch zu erzwingen, wenn dies für ihre psychische und emotionale Gesundheit notwendig ist.
Der Einfluss der Positiven Psychologie und des Coachings
Die Positive Psychologie und das Coaching bieten wertvolle Werkzeuge, um den Prozess der Vergebung zu unterstützen. Statt das Opfer unter Druck zu setzen, konzentrieren sich diese Ansätze auf die Stärkung der Resilienz und die Förderung des Wohlbefindens. Sie betonen, dass Vergebung ein Akt der Selbstfürsorge ist, der das Opfer von der emotionalen Last befreien kann, ohne die Taten des Täters zu rechtfertigen.
Im Coaching wird Vergebung als ein Werkzeug zur Persönlichkeitsentwicklung und inneren Stärkung angesehen. Coaches unterstützen ihre Klienten dabei, die Verantwortung für ihre emotionalen Reaktionen zu übernehmen und negative Gefühle loszulassen, ohne den Täter in Schutz zu nehmen. Der Fokus liegt dabei auf der Stärkung des Selbstwertgefühls des Opfers und der Wiederherstellung seines inneren Gleichgewichts.
Vergebung ist kein Täterschutz
Vergebung im psychologischen Sinne dient dem Schutz und der Heilung des Opfers. Sie ist kein Akt der Entschuldigung des Täters, sondern ein Weg, sich von belastenden Emotionen zu befreien. Doch Vergebung kann nur dann ihre heilende Wirkung entfalten, wenn das Opfer sicher und frei von weiterer Traumatisierung ist. Der Kontakt zum Täter muss unterbrochen werden, bevor Vergebung überhaupt möglich ist.
Therapeuten und Coaches müssen sich dieser Dynamik bewusst sein und dürfen keine Vergebung einfordern, solange das Opfer noch in einer toxischen Beziehung zum Täter steht. Stattdessen sollten sie das Opfer ermutigen, sich auf seine eigene Heilung und sein Wohlbefinden zu konzentrieren. So kann Vergebung zu einem kraftvollen Instrument der Selbstbefreiung und der emotionalen Genesung werden.
Es ist mir vor Jahren dieses Zitat
„To forgive somebody is to say that one way or another, ‚You have done something unspeakable, and by all rights I should call it quits between us. Both my pride and principles demand no less. However, although I make no guarantees that I will be able to forget what you have done and though we may both carry scars for life, I refuse to let it stand between us. I still want you for my friend.'“
Carl Frederick Buechner
begegnet.
Das Unverzeihliche / das Unverziehene ausgehend von diesem Zitat ist, dass die Tat zwischen dem Täter und dem Opfer stehen bleibt und den Kontaktabbruch zur Folge hat.
Der meines Erachtens wichtigste Aspekt von diesem Artikel verbirgt sich allein schon in der Überschrift.
Es ist die Differenzierung zwischen dem Vergeben im theologischen und im psychologischen Sinne.
Es ist genau das Vergeben im theologischen Sinne, insbesondere im christlichen Sinne, das zu den Missverständnissen über das Vergeben führt.
Das Vergeben im christlichen Sinne ist oftmals ein „Vergeben und Vergessen“ der Taten der Täter.
Mit dem „Vergeben und Vergessen“ sollen Opfer zum Schweigen gebracht werden.
Das Vergeben im christlichen Sinne geht einher mit der (verfälschten) Feindesliebe und mit dem (verfälschten) vierten Gebot „Du sollst Vater und Mutter ehren.“ und macht machtlos gegenüber den ihre Taten wiederholenden toxischen Tätern.
Das (verfälschte) vierte Gebot ist ein Instrument des Patriarchats. Das Patriarchat entrechtet und entmachtet Frauen u n d Kinder. Die Kinder sind ihren patriarchalischen Eltern schutzlos ausgeliefert.
Das Vergeben im christlichen Sinne wird wie ein Wunderheilmittel gehandelt, das selbst die toxischen Persönlichkeiten ändern und sie zu besseren Menschen machen kann.
Das Vergeben im christlichen Sinne stärkt die Täter und schwächt die Opfer in vielen Fällen.
Das Vergeben im christlichen Sinne ist häufig ein Täterschutz.